Smart Meter Light: Warum Deutschland einen technologieoffenen Rollout braucht
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Smart Meter Light: Warum Deutschland einen technologieoffenen Rollout braucht
Ein Meinungsbeitrag von Prof. Dr. Christian Zenger, CEO und Co-Founder von PHYSEC
Der Beitrag gibt die persönliche fachliche Einschätzung des Autors zur aktuellen Smart-Meter-Light-Debatte wieder.
Smart Meter Light ist ein von der Bundesregierung im Juli 2026 angekündigtes, bislang aber nicht gesetzlich oder technisch definiertes Konzept für Stromkunden außerhalb des verpflichtenden Smart-Meter-Rollouts. Laut Koalitionsbeschluss soll es diesen Kunden ermöglichen, ihre Stromrechnung kostengünstig und cybersicher zu optimieren. Offen ist bislang, welche Technik eingesetzt wird, welche Funktionen das System erfüllen soll und wie es sich vom heutigen intelligenten Messsystem unterscheidet.
Dieser Beitrag plädiert dafür, Smart Meter Light nicht als abgespeckte Kopie des Smart Meter Gateways zu entwickeln. Stattdessen sollte ein technologieoffener und risikobasierter Rollout-Pfad entstehen, der zwischen reiner Messdatenerfassung, regulierter Marktkommunikation und netzkritischer Steuerung unterscheidet.
Das Smart Meter Gateway bleibt für besonders schützenswerte Kommunikations- und Steuerungsfunktionen ein zentraler Baustein. Für weniger kritische Messanwendungen sollten jedoch auch sichere, interoperable und migrationsfähige Alternativen zugelassen werden.
Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit der Digitalisierung kritischer Infrastrukturen. Gerade beim Smart Metering zeigt sich, wie schwierig es ist, höchste Sicherheitsanforderungen, Wirtschaftlichkeit und einen schnellen flächendeckenden Rollout miteinander zu verbinden. Smart Meter Light bietet die Chance, diese Ziele künftig besser in Einklang zu bringen.
Was ist Smart Meter Light?
Der Begriff Smart Meter Light wurde im Koalitionsausschuss vom 2. Juli 2026 politisch angekündigt. Die Regierungskoalition hat beschlossen, für Kunden außerhalb des verpflichtenden Smart-Meter-Rollouts eine kostengünstige und cybersichere Lösung zu etablieren. Gleichzeitig soll der Rollout für alle relevanten Messstellen bis Ende 2030 zu mehr als 90 Prozent abgeschlossen sein.
Eine gesetzliche Definition von Smart Meter Light gibt es bislang nicht. Weder die technische Architektur noch der Funktionsumfang oder die erforderlichen Sicherheitsnachweise stehen fest.
Genau darin liegt eine Chance: Smart Meter Light sollte nicht vorschnell als einzelnes Produkt oder als vereinfachtes Smart Meter Gateway definiert werden. Sinnvoller wäre ein zusätzlicher regulatorischer Rollout-Pfad, der konkrete Funktionen und Risiken beschreibt.
Die entscheidenden Fragen lauten daher:
- Welche Messdaten werden erhoben?
- Für welchen Zweck werden sie genutzt?
- Wer darf auf die Daten zugreifen?
- Werden die Daten lediglich visualisiert oder für Abrechnungen verwendet?
- Ist eine Steuerung von Anlagen vorgesehen?
- Welches Sicherheitsniveau ist für den jeweiligen Anwendungsfall erforderlich?
Erst aus diesen Anforderungen sollte sich ableiten, welche technische Lösung eingesetzt werden kann.
Smart Meter, moderne Messeinrichtung, iMSys und Smart Meter Gateway erklärt
Die Begriffe rund um das Smart Metering werden in Deutschland und im internationalen Umfeld unterschiedlich verwendet. Um Rolloutquoten, Technologien und regulatorische Anforderungen richtig einordnen zu können, müssen deshalb vier Begriffe voneinander unterschieden werden: Smart Meter, moderne Messeinrichtung, intelligentes Messsystem und Smart Meter Gateway.
Was ist ein Smart Meter?
Als Smart Meter wird allgemein ein digitaler Zähler bezeichnet, der Messwerte elektronisch erfasst und über eine Kommunikationsschnittstelle übertragen kann. Je nach System ermöglicht er beispielsweise die Fernauslesung von Verbrauchsdaten, eine detaillierte Verbrauchsanalyse oder die Nutzung zeitvariabler Stromtarife.
Welche technischen und sicherheitsbezogenen Anforderungen ein Smart Meter erfüllen muss, unterscheidet sich jedoch von Land zu Land. In vielen europäischen Staaten ist die Kommunikationseinheit bereits direkt in den digitalen Stromzähler integriert. Die Daten werden dort beispielsweise über Powerline Communication, Mobilfunk oder Funknetze übertragen.
In Deutschland wird der Begriff Smart Meter umgangssprachlich häufig für ein intelligentes Messsystem verwendet. Die deutsche regulatorische Systematik unterscheidet jedoch genauer zwischen der modernen Messeinrichtung, dem Smart Meter Gateway und dem daraus entstehenden intelligenten Messsystem.
Was ist eine moderne Messeinrichtung?
Eine moderne Messeinrichtung, kurz mME, ist ein digitaler Stromzähler. Sie erfasst den Stromverbrauch und zeigt unter anderem den aktuellen Zählerstand sowie historische Verbrauchswerte digital an.
Allein ist die moderne Messeinrichtung noch nicht in ein Kommunikationsnetz eingebunden. Sie kann deshalb nicht automatisch Messdaten an Messstellenbetreiber, Energieversorger oder andere berechtigte Marktakteure übertragen.
Erst durch die Verbindung mit einem Smart Meter Gateway wird die moderne Messeinrichtung Bestandteil eines intelligenten Messsystems.
Was ist ein intelligentes Messsystem?
Ein intelligentes Messsystem, kurz iMSys, besteht im deutschen Regulierungsrahmen aus zwei zentralen Komponenten:
einer modernen Messeinrichtung zur Erfassung der Messwerte und
einem Smart Meter Gateway als sicherer Kommunikationseinheit.
Die moderne Messeinrichtung erfasst den Stromverbrauch. Das Smart Meter Gateway verarbeitet und übermittelt die Messdaten über eine abgesicherte Kommunikationsverbindung. Erst die Kombination beider Komponenten bildet das intelligente Messsystem.
Ein deutsches intelligentes Messsystem ist damit mehr als ein digitaler Stromzähler mit Fernauslesung. Es ist Teil einer umfassend regulierten Infrastruktur für Messdaten, Marktkommunikation und perspektivisch auch netzdienliche Steuerungsfunktionen.
Welche Aufgabe hat das Smart Meter Gateway?
Das Smart Meter Gateway ist die zentrale Kommunikations- und Sicherheitseinheit des intelligenten Messsystems. Es verbindet die moderne Messeinrichtung mit berechtigten externen Marktakteuren und sorgt dafür, dass Messdaten geschützt verarbeitet und übertragen werden.
Zu seinen Aufgaben gehören unter anderem:
die sichere Erfassung und Verarbeitung von Messdaten,
die verschlüsselte Kommunikation mit berechtigten Empfängern,
die Authentifizierung von Geräten und Marktakteuren,
die Steuerung von Zugriffsberechtigungen
und die Einbindung in die regulierte Marktkommunikation.
Das deutsche System folgt dabei umfassenden Vorgaben zu Datenschutz, Informationssicherheit, Interoperabilität, Zertifizierung und Betrieb. Das Smart Meter Gateway verfügt unter anderem über ein integriertes Sicherheitsmodul und nutzt Verschlüsselungs-, Signatur- und Authentifizierungsverfahren.
Warum internationale Vergleiche schwierig sind
International wird der Begriff Smart Meter häufig breiter verwendet. In vielen Ländern gilt bereits ein digitaler Zähler mit integrierter Kommunikationsschnittstelle als Smart Meter – unabhängig davon, ob die Daten über Powerline Communication, Mobilfunk, RF-Mesh oder eine andere Technologie übertragen werden.
Funktionen wie Fernauslesung, Verbrauchstransparenz oder die Unterstützung zeitvariabler Tarife können dort ausreichen, um ein Gerät als Smart Meter zu bezeichnen.
Rolloutquoten verschiedener Länder lassen sich deshalb nur vergleichen, wenn auch die jeweilige Definition, der Funktionsumfang und die zugrunde liegende technische Architektur berücksichtigt werden. Ein international als Smart Meter bezeichnetes Gerät entspricht nicht automatisch dem deutschen intelligenten Messsystem mit Smart Meter Gateway.
Warum der Smart-Meter-Rollout beschleunigt werden muss
Deutschland hat in den vergangenen Jahren eine hochregulierte und sicherheitsorientierte Smart-Meter-Infrastruktur aufgebaut. Dieses Sicherheitsniveau geht jedoch mit komplexen Zertifizierungs-, Installations- und Betriebsprozessen einher.
Zum Stichtag 31. Dezember 2025 waren nach Angaben der Bundesnetzagentur rund 3,09 Millionen intelligente Messsysteme installiert. Das entsprach 5,5 Prozent der insgesamt erfassten Messlokationen. Innerhalb der von der Bundesnetzagentur betrachteten Pflichteinbaufälle lag die Ausstattungsquote bei 23,3 Prozent. Beide Werte verwenden unterschiedliche Grundgesamtheiten und dürfen deshalb nicht miteinander verwechselt werden.
Gleichzeitig verändert sich das Energiesystem schnell. Photovoltaikanlagen, Batteriespeicher, Wärmepumpen, Wallboxen, dynamische Stromtarife und lokale Energiegemeinschaften erhöhen den Bedarf an aktuellen Messdaten.
Digitale Messwerte schaffen die Grundlage für:
eine bessere Verbrauchstransparenz,
dynamische und zeitvariable Tarife,
automatisierte Abrechnungsprozesse,
Flexibilitätsangebote,
Energy Sharing,
netzdienliches Verbrauchsverhalten
und datenbasierte Energiedienstleistungen.
Nicht jede dieser Anwendungen benötigt jedoch von Beginn an eine Plattform für hochkritische Steuerung. Für viele Anwendungsfälle steht zunächst eine sichere, zuverlässige und wirtschaftliche Messdatenerfassung im Vordergrund.
Messung und Steuerung brauchen unterschiedliche Sicherheitsniveaus
Der Kern der Smart-Meter-Light-Debatte liegt in der Unterscheidung verschiedener Funktionen.
Ein Haushalt, der seinen Stromverbrauch in einer App visualisieren möchte, stellt andere Anforderungen als ein Energielieferant, der abrechnungsrelevante Messwerte verarbeitet. Noch höhere Anforderungen entstehen, wenn Netzbetreiber Wärmepumpen, Ladeeinrichtungen oder Erzeugungsanlagen netzdienlich steuern.
Dabei geht es nicht darum, Messdaten grundsätzlich als unkritisch einzustufen. Auch Messanwendungen benötigen Datenschutz, Integrität, Authentifizierung und eine zuverlässige Übertragung. Das erforderliche Sicherheitsniveau sollte jedoch zur jeweiligen Funktion und zum möglichen Schadensausmaß passen.
Funktion | Beispiel | Zentrale Anforderungen | Möglicher Rollout-Pfad |
Lokale Verbrauchstransparenz | Anzeige in einer App oder einem Energiemanagementsystem | Datenschutz, Zugriffsschutz, Datenintegrität | Sichere lokale oder externe Messlösung |
Fernauslesung | Verbrauchsmonitoring und Optimierung | Verschlüsselung, Authentifizierung, Verfügbarkeit | Technologieoffene Messkommunikation |
Abrechnung und Tarife | Dynamischer Stromtarif | Messrichtigkeit, Nachvollziehbarkeit, zuverlässige Übertragung | Regulierte und interoperable Messlösung |
Marktkommunikation | Austausch mit berechtigten Marktrollen | Standardisierte Prozesse, hohe Integrität, sichere Identitäten | Intelligentes Messsystem oder gleichwertig regulierter Pfad |
Netzsteuerung | Steuerung von Wärmepumpen, Wallboxen oder PV-Anlagen | Hohe Verfügbarkeit, Integrität, Angriffsschutz und sichere Steuerbefehle | Smart Meter Gateway mit Steuerungseinrichtung |
Ein risikobasierter Ansatz bedeutet daher nicht, auf Sicherheit zu verzichten. Er bedeutet, Sicherheitsmaßnahmen gezielt an der jeweiligen Funktion auszurichten.
Technologieoffenes Smart Metering: Anforderungen statt Architekturzwang
Ein technologieoffener Rollout bedeutet nicht, dass jede beliebige technische Lösung zugelassen werden sollte. Technologieoffenheit funktioniert nur innerhalb klarer funktionaler und sicherheitstechnischer Anforderungen.
Smart-Meter-Light-Lösungen sollten mindestens folgende Kriterien erfüllen:
sichere und manipulationsgeschützte Messdatenerfassung,
verschlüsselte Datenübertragung,
eindeutige Geräte- und Nutzeridentitäten,
gegenseitige Authentifizierung,
rollenbasierte Zugriffsrechte,
Datenschutz und Datenminimierung,
sichere Software- und Firmware-Updates,
dokumentiertes Schwachstellenmanagement,
standardisierte Schnittstellen und Datenmodelle,
technische und organisatorische Interoperabilität,
langfristige Update- und Betriebsfähigkeit,
Protokollierung sicherheitsrelevanter Vorgänge,
Migrationsfähigkeit zu einem intelligenten Messsystem.
Welche Technologie diese Anforderungen erfüllt, sollte bewusst offenbleiben. Wettbewerb und Innovation entstehen nicht dadurch, dass der Gesetzgeber eine konkrete Funk- oder Kommunikationslösung vorgibt. Sie entstehen durch verbindliche Ziele, überprüfbare Sicherheitsanforderungen und offene Schnittstellen.
Die passende Kommunikation für den jeweiligen Einsatzort
Zähler befinden sich häufig in Kellern, Versorgungsschächten oder technischen Räumen. Diese Standorte sind aus funktechnischer Sicht anspruchsvoll. Eine Technologie, die an einem Zählerplatz zuverlässig funktioniert, kann an einem anderen Standort ungeeignet sein.
Für technologieoffenes Smart Metering kommen unter anderem folgende Kommunikationswege infrage:
Technologie | Mögliche Einsatzgebiete | Zu berücksichtigende Faktoren |
Powerline Communication | Stromzähler und flächige Versorgungsgebiete | Qualität des Stromnetzes, Störungen und Netztopologie |
LoRaWAN | Strom, Wasser, Gas, Wärme und Submetering | Gebäudedurchdringung, Gateway-Abdeckung und Netzbetrieb |
NB-IoT oder LTE-M | Mobilfunkbasierte Zählerkommunikation | Netzabdeckung, Deep-Indoor-Empfang und laufende Konnektivitätskosten |
RF-Mesh | Vermaschte Zählernetze | Gerätedichte, Netzplanung und Wartung |
Wireless M-Bus | Gebäude- und Submetering-Anwendungen | Reichweite, Ausleseinfrastruktur und Betriebsmodell |
mioty | Hochskalierende industrielle Sensornetze | Infrastruktur, Geräteverfügbarkeit und Integration |
Ethernet oder Glasfaser | Technische Anlagen und gut erschlossene Standorte | Verkabelungsaufwand und vorhandene Infrastruktur |
Die Auswahl sollte sich am konkreten Einsatzort orientieren. Gebäudedurchdringung, Energieverbrauch der Endgeräte, vorhandene Netze, Skalierbarkeit, Wartungsaufwand und Betriebskosten müssen gemeinsam betrachtet werden.
Es geht heute nicht mehr darum, die eine universelle Kommunikationstechnologie zu finden. Entscheidend ist, aus etablierten Technologien eine sichere und wirtschaftliche Lösung für den jeweiligen Anwendungsfall zusammenzustellen.
Technologieoffenheit darf nicht zur Sackgasse werden
Ein häufiges Gegenargument lautet, dass zunächst installierte Smart-Meter-Light-Lösungen später vollständig ausgetauscht werden müssten, sobald ein intelligentes Messsystem oder eine Steuerungseinrichtung erforderlich wird.
Diese Sorge ist berechtigt. Sie spricht jedoch nicht grundsätzlich gegen einen zusätzlichen Rollout-Pfad, sondern für verbindliche Anforderungen an Interoperabilität und Migrationsfähigkeit.
Smart-Meter-Light-Lösungen sollten von Anfang an modular aufgebaut sein. Standardisierte Schnittstellen und einheitliche Datenmodelle müssen es ermöglichen, eine bestehende Messlösung später zu erweitern oder mit einem Smart Meter Gateway zu kombinieren.
So könnte zunächst eine wirtschaftliche Lösung für die digitale Verbrauchserfassung installiert werden. Entsteht später ein Bedarf an regulierter Marktkommunikation oder netzkritischer Steuerung, kann die Infrastruktur um die erforderlichen Komponenten ergänzt werden.
Ein technologieoffener Rollout wäre damit kein Gegenmodell zum intelligenten Messsystem. Er könnte eine frühere Digitalisierungsstufe bilden, die bei wachsendem Funktionsbedarf weiterentwickelt wird.

Seit 2019 nutze ich einen LoRaWAN-fähigen Optokopf zur automatisierten Erfassung meiner Stromverbrauchsdaten. Der Optokopf wird magnetisch an der optischen Schnittstelle der modernen Messeinrichtung befestigt und liest die Messwerte ohne Eingriff in den Zähler aus.
Wird später ein Smart Meter Gateway installiert, kann der Optokopf werkzeuglos entfernt werden. Das Beispiel zeigt, wie eine bestehende Infrastruktur frühzeitig digital ergänzt werden kann, ohne den späteren Wechsel zu einem intelligenten Messsystem zu blockieren.
IT-Sicherheit ist mehr als eine einzelne Zertifizierung
Das Smart Meter Gateway erreicht durch Schutzprofile, technische Richtlinien, Zertifizierung und ein reguliertes Betriebsmodell ein besonders hohes und einheitliches Sicherheitsniveau. Für kritische Marktkommunikation und Steuerungsfunktionen ist dieser Ansatz weiterhin von großer Bedeutung.
Daraus folgt jedoch nicht, dass ausschließlich ein Smart Meter Gateway sicher betrieben werden kann. Moderne IoT-Architekturen können ebenfalls hohe Sicherheitsniveaus erreichen. Voraussetzung ist, dass Sicherheit nicht nur auf der Übertragungsebene betrachtet wird, sondern über den gesamten Produkt- und Betriebslebenszyklus.
Dazu gehören beispielsweise:
Hardware Root of Trust,
Secure Boot,
Ende-zu-Ende-Verschlüsselung,
gegenseitige Authentifizierung,
sicheres Schlüssel- und Zertifikatsmanagement,
signierte Softwareupdates,
Netzwerksegmentierung,
Zero-Trust-Prinzipien,
kontinuierliches Security Monitoring,
geregeltes Schwachstellenmanagement
und klar definierte Verantwortlichkeiten im Betrieb.
Nicht jede IoT-Lösung erfüllt diese Anforderungen automatisch. Ob eine Lösung für einen konkreten Anwendungsfall geeignet ist, muss anhand ihrer Architektur, des Betriebsmodells, der Updatefähigkeit und überprüfbarer Sicherheitsnachweise bewertet werden.
Welche Rolle spielt der Cyber Resilience Act?
Mit dem Cyber Resilience Act schafft die Europäische Union einen horizontalen Rechtsrahmen für Produkte mit digitalen Elementen. Hersteller werden unter anderem zu Security by Design, sicheren Standardkonfigurationen, Schwachstellenmanagement und Sicherheitsupdates während des Produktlebenszyklus verpflichtet.
Der überwiegende Teil der Verordnung gilt ab dem 11. Dezember 2027. Bestimmte Meldepflichten für aktiv ausgenutzte Schwachstellen und schwerwiegende Sicherheitsvorfälle greifen bereits ab dem 11. September 2026.
Der Cyber Resilience Act ersetzt weder das Messstellenbetriebsgesetz noch die sektorspezifischen Anforderungen an das Smart Meter Gateway. Er kann jedoch ein europaweites Basissicherheitsniveau schaffen, auf dem ergänzende Anforderungen für weniger kritische Messanwendungen aufbauen.
Für Smart Meter Light bietet sich daher eine Kombination an:
horizontale Produktsicherheit nach europäischem Recht,
zusätzliche sektorale Anforderungen für Energiedaten und Messprozesse,
abgestufte Nachweise entsprechend dem Risiko des jeweiligen Anwendungsfalls.
Der Smart-Meter-Rollout in Europa zeigt, dass es auch anders geht
Deutschland diskutiert häufig so, als gäbe es weltweit nur eine einzige technische Lösung für Smart Metering. Ein Blick über die Landesgrenzen zeigt jedoch ein ganz anderes Bild (vgl. Kapitel 4.1.3 des Commission staff working document).
Land | Rollout | Typische Kommunikation | Architektur |
Italien | ≈100 % | PLC | integrierter Smart Meter |
Frankreich | 94 % | PLC (Linky) | integrierter Smart Meter |
Schweden | ≈100 % | Mobilfunk / RF | technologieoffen |
Großbritannien | 70 % | verschiedene Technologien | zentrale Kommunikationsplattform |
Deutschland | 2 % | Smart Meter Gateway | hochreguliertes iMSys |
Interessant ist, dass andere Länder hohe Rolloutquoten erreichen, obwohl sie sehr unterschiedliche technische Architekturen verwenden. Dabei lohnt sich ein genauer Blick auf den internationalen Vergleich. Denn was dort als Smart Meter bezeichnet wird, entspricht nicht dem deutschen intelligenten Messsystem (iMSys) mit Smart Meter Gateway (SMGW). In vielen Ländern handelt es sich um digitale Stromzähler mit integrierter Kommunikationsschnittstelle, beispielsweise über Powerline Communication (PLC), LoRaWAN, RF-Mesh, NB-IoT oder andere IoT-Technologien. Sie ermöglichen Fernauslesung, zeitvariable Tarife und Verbrauchstransparenz, verfügen jedoch in der Regel nicht über die hochkomplexe Sicherheits- und Steuerungsarchitektur des deutschen Smart Meter Gateways. Deutschland verfolgt damit einen weltweit nahezu einzigartigen Ansatz, bei dem Messung, sichere Marktkommunikation und netzdienliche Steuerung in einer gemeinsamen Plattform zusammengeführt werden.
Italien setzte bereits Anfang der 2000er Jahre auf einen flächendeckenden Rollout digitaler Stromzähler und nutzt überwiegend Powerline Communication (PLC) für die Kommunikation zwischen Zähler und Netz.
Frankreich verfolgt mit dem Linky-System einen ähnlichen Ansatz und hat inzwischen mehr als 90 Prozent aller Haushalte digitalisiert.
Die skandinavischen Länder kombinieren je nach Netzgebiet unterschiedliche Technologien wie PLC, Mobilfunk oder RF-Mesh.
Großbritannien nutzt wiederum eine zentrale Kommunikationsplattform, über die verschiedene Übertragungstechnologien eingebunden werden.
Der gemeinsame Nenner all dieser Länder ist bemerkenswert: Nicht eine bestimmte Technologie stand im Mittelpunkt, sondern das Ziel, den Rollout möglichst schnell, wirtschaftlich und flächendeckend umzusetzen.
Wie das Messstellenbetriebsgesetz technologieoffener werden könnte
Das Smart Meter Gateway sollte nicht abgeschafft werden. Vielmehr sollte das bestehende System um einen zusätzlichen Rollout-Pfad ergänzt werden. Aus meiner Sicht sollte das Messstellenbetriebsgesetz künftig folgende Grundsätze abbilden:
1. Anwendungsfälle nach Funktion und Risiko einteilen
Lokale Verbrauchsanzeige, Fernauslesung, Abrechnung, Marktkommunikation und Netzsteuerung sollten nicht automatisch denselben technischen Anforderungen unterliegen.
2. Einen klaren Smart-Meter-Light-Rollout-Pfad schaffen
Für Kunden außerhalb des verpflichtenden iMSys-Rollouts sollte ein rechtssicherer Rahmen für kostengünstige digitale Messlösungen entstehen.
3. Funktionale Mindestanforderungen festlegen
Der Gesetzgeber sollte Sicherheitsziele, Datenschutz, Interoperabilität, Updatefähigkeit und Betriebsanforderungen definieren, nicht jedoch eine einzelne Kommunikationstechnologie vorschreiben.
4. Verbindliche Sicherheitsnachweise verlangen
Technologieoffenheit darf nicht zu unklaren Sicherheitsstandards führen. Je nach Risikoklasse sollten abgestufte Prüf-, Zertifizierungs- oder Konformitätsnachweise erforderlich sein.
5. Interoperabilität und Migration sicherstellen
Smart-Meter-Light-Lösungen müssen sich später erweitern, austauschen oder mit einem Smart Meter Gateway kombinieren lassen. Proprietäre Sackgassen sollten regulatorisch vermieden werden.
6. Das Smart Meter Gateway für kritische Funktionen erhalten
Für hochkritische Steuerungsfunktionen, sichere Marktkommunikation und netzrelevante Eingriffe bleibt das Smart Meter Gateway ein zentraler Bestandteil der Infrastruktur.
7. Kosten und Rolloutfortschritt transparent machen
Neben Einbauzahlen sollten auch Installationskosten, Betriebsaufwand, Ausfallquoten und der tatsächliche Nutzen für Verbraucher und Energiesystem betrachtet werden.
Ein Appell an die Politik: Mehr Raum für Innovation durch regulatorische Experimentierräume
Die Diskussion um Smart Meter Light wird derzeit vor allem theoretisch geführt. Befürworter sehen die Chance auf einen schnelleren und kostengünstigeren Rollout, Kritiker warnen vor Sicherheitsrisiken, fehlender Interoperabilität, Migrationsproblemen und einer Zersplitterung der Infrastruktur. Viele dieser Argumente lassen sich heute jedoch weder eindeutig belegen noch widerlegen – weil praktische Erfahrungen im großen Maßstab fehlen.
Aus meiner Sicht sollte die Politik deshalb einen anderen Weg einschlagen: Statt jahrelang über hypothetische Szenarien zu diskutieren, sollten zeitlich und regional begrenzte Innovationszonen für Smart Metering geschaffen werden. Eine Experimentierklausel im Messstellenbetriebsgesetz könnte ausgewählten Regionen ermöglichen, bereits heute verfügbare und marktreife Smart-Meter-Light-Lösungen unter realen Bedingungen einzusetzen – selbstverständlich nur dann, wenn grundlegende funktionale Anforderungen an Cybersicherheit, Datenschutz, Interoperabilität und Migrationsfähigkeit nachweislich erfüllt werden.
Über die Zulassung neuer Lösungen sollte ein unabhängiger Expertenrat entscheiden, der innerhalb weniger Wochen eine transparente GO-/NO-GO-Entscheidung trifft oder konkrete Nachbesserungen fordert. Bewertet würden dabei nicht einzelne Technologien, sondern deren nachgewiesene Eigenschaften und Risiken. So könnten Innovationen deutlich schneller unter realen Bedingungen erprobt werden, ohne die bestehenden hohen Sicherheitsanforderungen grundsätzlich infrage zu stellen.
Der große Vorteil eines solchen Ansatzes liegt darin, dass technische Fragestellungen nicht länger Gegenstand jahrelanger Grundsatzdebatten oder Lobbydiskussionen wären. Stattdessen könnten zentrale Fragen – etwa zur Cybersicherheit, Wirtschaftlichkeit, Datenqualität, Migrationsfähigkeit oder Akzeptanz – wissenschaftlich begleitet und anhand objektiver Messgrößen beantwortet werden. Funktioniert ein Ansatz nicht, wird er verworfen. Bewährt er sich, kann er als Grundlage für zukünftige regulatorische Entscheidungen dienen.
Die Energiewende verlangt nach schnellen, aber verantwortungsvollen Entscheidungen. Regulatorische Experimentierräume würden genau diesen Spagat ermöglichen: Innovation dort zulassen, wo sie sinnvoll ist, Risiken kontrolliert evaluieren und politische Entscheidungen künftig stärker auf Evidenz statt auf Annahmen stützen.
Fazit: Smart Meter Gateway behalten, Messrollout öffnen
Deutschland muss sich nicht zwischen maximaler Sicherheit und einem schnellen Smart-Meter-Rollout entscheiden. Beides lässt sich verbinden, wenn Anforderungen stärker an Funktionen und Risiken ausgerichtet werden.
Das Smart Meter Gateway bleibt dort unverzichtbar, wo sichere Marktkommunikation, hochkritische Steuerung oder netzrelevante Eingriffe erforderlich sind. Für viele reine Mess- und Transparenzanwendungen stehen jedoch bereits heute technische Lösungen zur Verfügung, die eine frühere und wirtschaftlichere Digitalisierung ermöglichen können.
Smart Meter Light sollte deshalb nicht als abgespeckte Variante des bestehenden Systems verstanden werden. Es sollte einen zusätzlichen, klar regulierten und migrationsfähigen Rollout-Pfad schaffen.
Die Basistechnologien für digitale Messung und sichere Kommunikation existieren. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, sie interoperabel, sicher und flächendeckend einzusetzen. Denn der langfristige Mehrwert entsteht nicht allein durch die Übertragung von Messwerten, sondern durch deren intelligente und verantwortungsvolle Nutzung.
Ein technologieoffener und risikobasierter Regulierungsansatz kann den Smart-Meter-Rollout beschleunigen, ohne das hohe deutsche Sicherheitsniveau für kritische Anwendungen aufzugeben. Damit könnte Smart Meter Light zu einem wichtigen Baustein für die nächste Stufe der Energiewende werden.
Häufige Fragen zu Smart Meter Light
Nein. Bislang ist Smart Meter Light vor allem ein politisch angekündigtes Konzept. Der Koalitionsausschuss hat angekündigt, für Kunden außerhalb des verpflichtenden Smart-Meter-Rollouts eine kostengünstige und cybersichere Lösung zu etablieren. Wie diese konkret gesetzlich und technisch ausgestaltet wird, ist derzeit noch offen.
Nach dem bisherigen politischen Zielbild spricht vieles dagegen. Smart Meter Light richtet sich demnach insbesondere an Kunden außerhalb des verpflichtenden Smart-Meter-Rollouts. Aus heutiger Sicht liegt es deshalb näher, Smart Meter Light als Ergänzung zum bestehenden intelligenten Messsystem zu verstehen und nicht als generellen Ersatz des Smart Meter Gateways. Die konkrete regulatorische Abgrenzung steht allerdings noch aus.
Fest steht bislang lediglich das politische Ziel, eine cybersichere Lösung zu schaffen. Welche konkreten technischen Anforderungen und Sicherheitsnachweise dafür gelten sollen, ist noch nicht definiert. Aus fachlicher Sicht wäre ein risikobasierter Ansatz naheliegend, bei dem sich das erforderliche Sicherheitsniveau an Funktion und möglichem Schadensausmaß orientiert. Ob dieser Ansatz tatsächlich Teil der Regulierung wird, ist derzeit offen.
Das lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschließend sagen. In der bisherigen politischen Kommunikation wurde keine bestimmte Kommunikationstechnologie oder Systemarchitektur festgelegt. Aus technischer Sicht kommen daher unterschiedliche Technologien infrage, sofern sie die künftig definierten Anforderungen an Sicherheit, Datenschutz, Messwesen und zuverlässigen Betrieb erfüllen.
Welche Anforderungen an die Interoperabilität gestellt werden, ist bislang nicht festgelegt. Aus unserer Sicht sollte sie bei der weiteren Ausgestaltung jedoch eine wichtige Rolle spielen. Offene und standardisierte Schnittstellen könnten dazu beitragen, proprietäre Sackgassen zu vermeiden und einen späteren Übergang zu einem intelligenten Messsystem zu erleichtern. Ob entsprechende Vorgaben verbindlich werden, wird sich im weiteren regulatorischen Prozess zeigen.

Über den Autor
Prof. Dr.-Ing. Christian Zenger
Professor für Cybersecurity an der Ruhr-Universität Bochum
CEO & Co-Founder der PHYSEC GmbH
Forschungsschwerpunkte:
Smart Infrastructure
IIoT Security
Cyber-physical Security
Smart Metering
Critical Infrastructure
Konvergente SOCs
